1. Das Buch von allen Dingen

    heißt das Stück, dass ich gestern im Rahmen der Imaginale gesehen habe. Ein überwältigendes Gefühl, wenn man nach der Inzenierung feststellt, wie viel und wie gut man in dieser Geschichte gelacht hat, trotz dessen dass es eigentlich tief traurig ist, was man sah.

    Alles auf Anfang.

    Die Imaginale, ist das internationale Figurentheaterfestival, welches derzeit und noch bis kommende Woche Dienstag in Stuttgart am FITZ, dem Figurentheaterzentrum,  und in fünf anderen baden-württembergischen Städten statt findet.

    In 71 Veranstaltungen, darunter 30 für Kinder und Jugendliche, präsentiert die IMAGINALE 2010 ein weit gefächertes Programm international renommierter Künstler aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Schweiz, Südafrika und Ungarn und deckt die ganze Bandbreite zeitgenössischen Figurentheaters vom Puppen- und Objekttheater über Bildertheater bis in die die Grenzbereiche zu Tanz, Performance und Bildender Kunst ab.

    Die gestrige Inszenierung am FITZ war eine sehr gelungene Gemeinschaftsproduktion der schweizer Puppenspielerin Margrit Gysin und der Regisseurin Andrea Gronemeyer vom Mannheimer Figurentheather Schnawwl.

    “Das Buch von allen Dingen” erzählt in tragischen und komischen Sequenzen mit wohlüberlegten Pointen, die Geschichte von Thomas, einem eigentlich ganz normalen Jungen, der etwas aufmerksamser und vielleicht auch etwas ängstlicher zu sein scheint, als die anderen Kinder in seiner Straße.

    Margrit Gysin erzählt die ganze Geschichte anhand eines wunderschön illustrierten, überdimensionierten Pop-up-Buch, einer einzigen kleinen Handpuppe “Thomas” und tritt in unterschiedlichen Rollen auch selber in den Dialog mit Buch oder Puppe. In Augenblicken wechselt sie Stimme, Mimik und Gestik und verkörpert so Thomas’ ganze Familie im Streitgespräch am Abendbrottisch.

    Quelle: imaginale.net, Margrit Gysin mit dem Buch von allen Dingen

    Quelle: imaginale.net, Margrit Gysin mit dem Buch von allen Dingen

    Die Streitereien beim Abendbrot sind aber nicht der einzige Grund, warum Thomas für sich selber festgelegt hat “Später werde ich glücklich!”. Eine Aussage, die nicht nur auf die Frage, was er mal werden wolle passt, wie die Faust aufs Auge. Auch leitet Sie ihn in ein ungewisses “Später”, weil er, bis zum ersten Treffen mit – der als Hexe verschriehenen – Frau Ammersfoort, gar nicht recht weiß, wie er heute schon glücklich werden kann.

    Um nicht zu weit in die wunderschöne Geschichte vor zu greifen, möchte einfach alle ermuntern, die morgen in Stuttgart oder übermorgen in Mannheim sind, sich das Stück anzusehen, selber zu lachen, zu weinen und sich verzaubern zu lassen.  Für alle anderen gillt die ausdrückliche Empfehlung die Imagniale bis 09.02. in Ba-Wü zu besuchen. Viel Vergnügen.

  2. Sehr geil.

    Ich finds cool, meine Freundin hat Ihren blogspot Account “entdeckt” und gestern Ihren allerersten Blogpost auf dem Studiblog die-wo-spielen veröffentlicht. Das find ich gut. Hab ich doch so oft das Gefühl meine Liebe mit den Web-Eskapaden nur zu langweilen, hat sie gestern den Beweis nach vorne angetreten. Schöne Sache.

    Dort schreiben die Studierenden des Fachbereichs Figurentheater der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart über die Puppenspielerszene, ihr Studium und eigene Inszenierungen. Mal mehr oder weniger lang, liest sich das Blog sehr bunt und man spürt die Unterschiedlichkeit der Autoren aus ihren Texten.

    Gestalterisch sicher nicht so der Hit, aber für Leute, denen es auf Puppen und Figuren ankommt, offensichtlich vollkommen ausreichend, ohne das böse zu meinen.

    Viel Erfolg beim zweiten Beitrag!

  3. Mein Abend mit Edgar Allan

    Gastbeitrag

    Es gibt wenig Schriftsteller, die so einen nachhaltigen Einfluss auf die Kunst hatten, wie Egar Allan Poe. Im vergangenen Jahr wurde weltweit sein 200. Geburtstag gefeiert. Aus irgendwelchen Gründen präsentierte in diesem Rahmen das hallische Opernhaus die Welturaufführung eines Musicals mit dem Namen des Schritstellers.

    Als Teenager fiel mir der Sammelband  “Der Goldkäfer” in die Hände, die neben der titelgebenden Geschichte auch  u.a. “Die Maske des roten Todes” und “Der Doppelmord in der Rue Morgue” enthielt.  Mit der letzgenannten Geschichte hat Poe eine gesamte Literaturgattung begründet, inspirierender fand ich allerdings die zweite Detektivgeschichte “Der entwendete Brief”. Insbesondere hatte es mir der philosophische Diskurs über Mathematik und (Dicht)Kunst angetan. Ich las dann allles, was ich finden konnte. Nachhaltig hat mich auch “Das Pendel” beeindruckt, dann las ich Poe bis 2009 nie wieder, die Texte sind aber nach wie vor präsent.

    Als ich gestern [am 03.01.2010] durch das tiefverschneite Halle ging, welches durchaus als Illustration eines Poe’schen Gedichts hätte geeignet sein können, wußte ich wenig über die Entstehung des Stückes. Ich hatte gelesen, dass der Komponist und Autor Eric Woolfson, Mitbegründer von “The Alan Parsons Project”, der Premiere ferngeblieben war, da er mit der Inszenierung nicht einverstanden war. Ich hatte allerdings auch gelesen, dass die Premiere ursprünglich in Berlin geplant war, aber auch dort zu Differenzen entstanden sind. Ich erwartete weniger einen gesungenden Lebenslauf, sondern eines von Edgar Allan Poes Schaffenskraft beeinflusstes Stück.

    Musik

    Ich sass im Parkett. Gesang und Instrumente waren weitesgehend ausgewogen, an einigen Stellen war das Orchester jedoch zu laut. Die Musik ist natürlich das Sahnehäubchen des Stücks und allemal den Gang wert. Die Übersetzungen sind insgesamt gelungen.

    Bühnenbild

    Das Bühnenbild ist großartig, auch mit den Umbauten während des Stückes. Videoeffekte wurden selten und zurückhaltend eingesetzt.
    Den Bühnenraben finde ich allerdings misslungen. Die Oper warb in der Stadt mit einer Rabenfigur, was ich eine gute Marketingidee finde.

    Inszenierung

    Meiner Meinung nach hätte es der 5 zusätzlich eingeführten Figuren, die wohl der Anlass für den Streit mit dem am 02.12.2009 verstorbenen Komponisten gewesen sind, nicht bedurft. Halle hat keine Musicalbühne und auch kein Musicalensemble. Die Voraussetzungen waren bekannt und deshalb kann man die Inszenierung auch als gelungen werten. Die Auswahl der biografischen Stationen ist insgesamt in Ordnung. Verblüffend ist nur das das Stück den Eindruck Poe sei abhängig von Alkohol und Opium weitergibt, dass überwiegend durch Rufus Wilmot Griswold (im Stück sein Gegenspieler) geprägt worden ist.  Dafür wäre m.E. eine Würdigung von Charles Baudelaire möglich gewesen, ohne ihn hätte die Geschichte Poe wahrscheinlich vergessen.

    Das Ensemble

    Die Akteure hatten auch noch für eine Zugabe in der Originalsprache Kraft, insbesondere Björn Christian Kuhn, der anders als ausgewiesen, nicht nur den älteren Poe sang und spielte. Manche Chorlieder wirkten doch manchmal stimmlich wie aus einer Operette.

    Ein gelungener Abend und ein letztes Rätsel. Das Stück ist als Liveperformance 2003 in den Abby Road Studios aufgeführt worden. Es mag umarrangiert worden sein, es wurden jedoch alle Titel (in etwas anderer Reihenfolge) gespielt. Ist es dann noch eine Uraufführung?

    unser erster Gastautor: Andreas “Pawel” Fritsch

    … ist Sozialarbeiter bei der Stadt Halle, Familienvater und ein Freund länger als es diese Seiten gibt. In seiner Freizeit, mit scharfsinnigem Blick, unterwegs durchs Netz erforscht er SVG (scalable vector graphic) und die Chancen neuer Technologien für das barrierearme Web. mehr