1. Stadtgottesacker

    Stadtgottesacker

    Was mich an dem Friedhof so fasziniert sind die abermillionen Vogelarten. Kohlmeisen, Spechte, Amseln, Spatzen, Tauben, all dieses fiepende, gurrende, klopfende und piepende Federvieh. Von wegen letzte Ruhestätte.

    Hinzukommt die Sannierung der 94 Schwibbögen. Zwei Steinmetze sitzen mit elektronischen Minimeiseln an dem von Wind und Wetter mitgenommen Reliefs und ziehen ihre Konturen nach. Das klingt als würde jemand mit den Lippen furzen.

    1557 wurde der Friedhof nach italienischen Vorbild erbaut. Damals befand sich die Anlage noch Außerhalb der Stadt, heute ist sie relativ nah am Zentrum. Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Stadtgottesacker zur letzten Ruhestädte für die lokale Oberschicht. Hier liegen die Familienmitglieder von Händel, August Hermann Francke himself und noch ein paar andere Berühmtheiten, die trotzdem irgendwann gestorben sind. Knapp 2000 Grabstellen befinden sich auf dem Friedhof. Lange Zeit durften keine weiteren Beisetzungen stattfinden, doch inzwischen ist die Friedhofsmauer für Urnenbestattungen freigegeben. Ich hab mich auf eine Bank gesetzt und den Vögeln zugehört. Ist schon seltsam, wenn alle um einen herum tot sind.

    Übrigens heißen die roten Käfer, die zuhauf überall auf Friedhöfen rumkrabbeln, Feuerwanzen. Kindern wird gern erzählt, dass sie an den Toten rumknabbern, aber sie ernähren sich größtenteils von Pflanzensäften. Sie lieben sonnige und warme Plätze auf, an und unter Steinen oder Linden, ergo: sie lieben Friedhöfe.

  2. Ziegelwiese an der Fontäne

    Ziegelwiese an der Fontäne

    Als ich nach Informationen über die Fontäne auf der Ziegelwiese suchte fand ich folgenden Kommentar :

    In diesem Abschnitt sollen einige Orte gezeigt werden, an denen man seine Freizeit in Halle verbringen kann. Fangen wir deshalb gleich ohne viel Geschwafel an. Ganz wichtig in jeder Stadt ist eine große Parkanlage, in der man rumliegen, Hunde ausführen, Ball spielen und Mädels anbaggern kann. Dies gibt es natürlich auch in Halle. Die genannten Aktivitäten konzentrieren sich um die Ziegelwiese herum, die zur Peißnitzinsel gehört. In der Mitte der Ziegelwiese ist ein Teich mit einer riesigen Fontaine, die allerdings nicht ganzjährig betrieben wird.  Quelle

    Immer wieder schön, wie Halle für sich wirbt. In diesem Textausschnitt wird der Betrieb der Fontäne etwas geschönt, denn genau genommen schlägt das Herz der Fontäne nur sehr selten. Nach 40 jahren hat ihr technischer und baulicher Verschleiß stark zugesetzt, sodass sie nur für kurze Zeit und bei absoluter Windstille sprudeln darf.

    Doch wenn das Herzlein pocht, dann pumpt es 360 – 400 m³/h durch die rostigen Stahladern. So wird Wasser bis zu 90 Meter hoch in die Luft geschleudert. Damit gehört die Fontäne zu den höchsten Springbrunnen in Europa. Der Spaß verschlingt aber auch 150 Kilowatt pro Stunde. Ich hab sie jedenfalls noch nie in Aktion gesehen. Ich wurd’ nur mal in den umliegenden Teich geschmissen. Das war nicht schön. Die Fontäne zählt nämlich auch zu den dreckigsten Wasserbecken in Halle. Grün und müllig und voller Entenkacke.

    Es gibt seit langem Pläne für eine Rekultivierung, doch die einzigen die wirklich etwas tun, sind zwei Kinnings aus der Nachbarschaft. Sie lassen Frösche und Fische in die Fontäne frei. Ich durfte ihnen Gesellschaft leisten.

  3. Paternoster im Ratshof

    Paternoster im Ratshof

    Die Idee hab ich geklaut. Von der Soundmap of Cologne. Ich muss zustimmen, dass so ein Ding witzig ist.

    Bin vorher noch nie Paternoster gefahren. Schön fand ich, dass die ganzen Zwischenwände zugetagt sind. Alles bunt. Wenn ich bedenke, dass so ein Paternoster mit einer Geschwindigkeit von 0,30 bis 0,45 Meter pro Sekunde fährt, kann ich mir vorstellen, dass man sich ganz schön konzentrieren muss, um nicht zu verruckeln.

    Übrigens wurde der Personen-Umlaufaufzug in Halle 1929 eingebaut (das sind 53 Jahre nach dem ersten Aufzug im General Post Office in London). 1970 wurde er umgebaut und 1996 saniert. Am 21. April 2005 fand die weltweit erste Paternosterlesung im halleschen Verwaltungsgebäude statt. Initiator war der Dichter Ralph Grüneberger.

    Habt ihr eigentlich gewusst, dass Paternosteraufzüge lediglich in Kontinentaleuropa und Großbritanien verbaut sind? In den USA kennt kein Schwein so ein Teil.

  4. Unterwegs am Robert-Franz Ring

    Unterwegs am Robert-Franz Ring

    Als ich mich am Robert Franz Ring rumtrieb, hatte ich mir grade einen Kaffee und eine Schokostange bei einem Bäcker geholt und suchte eigentlich einen Platz zum hinsetzen und Pause machen.

    Gegenüber dem Bäcker war eine Treppe und vor der Treppe stand ein Kind. Ich setzte mich auf die Treppe. Das Kind guckte mich an. Ich biss ein Stück von meiner Schokostange ab und sagte :“Mmh, ist das lecker.“ Das Kind guckte auf die Schokostange. „So eine leckere Schokostange hab ich noch nie gegessen“ Das Kind kam einen Schritt näher. „Wie süß diese wundervolle Schokostange ist!“ Das Kind steckte sich einen Finger in den Mund und fragte, ob es ein Stück abbekommt. „Nö.“, sagte ich, „Du bist zu klein.“ und quetschte den Rest des Gebäcks in meinen Mund, knüllte das Bäckerpapier zu einer Kugel und schmiss es dem Kind vor den Kopf. Aber das nur nebenbei.

    Es geht nämich mehr um hörbare Leckerbissen, denn kulinarische oder sadistische. Hinter der Hausnummer 9b des Robert Franz Ringes verbirgt sich eine Musikschule. Ich war eigentlich auf dem Weg zur Peisnitzinsel, da hörte ich aus einem Zimmerchen ein Klavier erklingen. Plötzlich taucht da eine Melodie aus dem Brummen der Autos auf und kämpft wacker dagegen an bis sie für einen kurzen Moment Platz für ein paar Takte hat. Da freut sich der Soundseeker.

    Robert Franz ist übrigens ein in Halle geborener Komponist, der über 350 Lieder schrieb, davon etwa ein Viertel nach Heinrich Heine, ein paar Chorwerke und zahlreiche Bearbeitungen von Kompositionen Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Händels.

  5. Mühlweg

    Mühlweg

    In Halle gibt es überall Kopfsteinpflaster. Die Stadt steht auf Bruchstein, Schlacke, Diorit und was es nicht alles gibt.

    Die Autos poltern, die Fahrradfahrer klappern und die Fußgänger stolpern. Der Mühlweg ist sowohl Namensgeber als auch baulich und stilistisch repräsentabel für das ganze Viertel um ihn herum. Hier stehen Villen in historisierenden Stilen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Hier ist das schöne Halle mit träumerischen Gärten und sauberen Fassaden. Jedes zweite Haus hat einen Magnolienbaum auf dem gepflegten Rasen stehen.

    Von hier aus ist es nicht weit bis zum grünem Herzen Halles, der Peisnitz. Die meisten Menschen, die zur Peisnitz wollen, müssen durch die Straße. Schätz ich mal so. Folglich müssen die meisten Menschen durch die Straße auch wieder zurück nach Hause. Schadenfrohe Leute kommen auf ihre Kosten, wenn sie nach Feierlichkeiten die Anwohner des Mühlweges dabei beobachten wie sie auf die Hinterlassenschaften der Partygäste reagieren. Der einprägsamste Satz war für mich „Harald, die haben schon wieder unsere Stiefmütterchen bebrochen!“

    Übrigens stiegen 1882 im Mühlweg auf Zuruf die ersten Fahrgäste der achten Pferdebahn in Deutschland auf und ab. Der Mühlweg war einer von sieben Streckenpunkten. Das soll doch was heißen. Man man man. Jetzt ist es die Linie 8, die hier verkehrt.