1. Deutschland tanzt nicht

    An Dieser Stelle ein erster Eindruck von der Premiere von Deutschland tanzt nicht – Skala Leipzig:

    Die, die tanzen, werden nur von denen nicht verstanden, die die Musik nicht hören! Wenn Deutschland nicht mehr tanzt, wo läuft dann die Musik? Ist das Nichttanzen eine Tugend, eine Errungenschaft oder etwas, das es zu überwinden gilt? Heute versucht Deutschland wieder, auf verschiedensten Hochzeiten zu tanzen. Wollen wir tanzen? Und wenn ja, welchen Tanz? [...]

    Johannes Kirsten

    [...] Machen wir der Vergangenheit den Prozess. Uns. Deutschland.“ Um nichts Geringeres geht es, als dem Wesen unseres Landes nahezukommen; den Geist eines Landes zu greifen, das auf eine zerklüftete Geschichte blickt und doch als Land der Dichter und Denker gilt. Oder doch nicht mehr? Gedanke wird Schrift und Schrift wieder Sprache – und alles wird Theater: ein weißer Raum, drei Frauen in Weiß, eine Eiche, der Baum der Bäume. Ein Raum, der beschreibbar wird, füllbar mit Fragmenten, Parolen und Texten zwischen Minderwert und Größenwahn, Dichter, Denker, Degeneration, alle gegen alle, deutsch gegen deutsch.

    Johannes Kirsten

    Eine auf jeden Fall andere Inszenierung von Regisseur Mirko Borscht, salopp gesagt: so ganz ohne Filmblut und irgendwie eine Komödie..

    Nähe zur Bühne und Bierfeststimmung, dass waren wohl meine ersten Eindrücke, nachdem ich den Saal der Skala betreten habe und natürlich der riesige Eichenstumpf – eine ausgetrocknete abgestorbene deutsche Eiche (Bühne: Christian Beck). Man positioniert sich an Stehtischen und wartet auf den Kellner, der das ganze Stück über das Publikum mit frisch gezapftem Bier versorgt, mit anderen Worten man wird direkt ins Klischee gedrängt – ein damit verbundenes Unwohlsein oder Wohlsein muss da jeder mit sich selbst ausmachen..

    Nach ca. 10 Minuten Einlassstimmung geht der komplette Raum in einem Nebelmeer unter. Wie Suchscheinwerfer laufen die Videoinstallationen durch die Nebelwand und zeigen Worte, wie Lufthansa, Krupp, etc. – kurz: das Thema Deutsch in Schlagworten – (Video: Kai Schadeberg) wobei mir die Typografie nicht ganz zugesagt hat..

    Drei buckelige, glatzköpfige, deutsche Frauen steigen die Eiche herab (Kostüme: Elke von Sivers).

    Deutschland tanzt nicht – Ein Museum auf die Bühne gebracht, so mein Eindruck. Man erlebt eine Geschichte in Episoden, in Duellen – die verschiedenen Episoden der deutschen “Vergangenheitsbewältigung” in einem Spiel. Die drei Frauen (Emma Rönnebeck, Melanie Schmidli, Birgit Unterweger) – die Austellungspuppen – Trümmerfrauen – in diesem Museum lebendig geworden. Schauspielerisch an dieser Stelle ein Lob an alle drei, mich haben sie überzeugt auch wenn der starke Improvisationscharakter des Stücks, teilweise die Rollenverteilung bzw. die Rollenverbindung verschleiert. Duelle, wie im Stücktext angekündigt konnte ich nicht in dem Ausmaß erkennen, wie ich sie mir versprochen hatte. Dies merkt auch Patrick Limbach von der Leipziger Internetzeitung an:

    Die schauspielerische Leistung von Emma Rönnebeck, Melanie Schmidli und Birgit Unterweger steht außer Frage. Alle drei erhielten verdienterweise viel Schlussapplaus. Doch der im Programmflyer angekündigte Schlabtausch, deutsch gegen deutsch, blieb den Zuschauern leider erspart.

    Alles in allem ist es ein empfehlenswertes Stück auch wenn ich mich mit dem Thema Deutschland und Identität immer recht schwer tue.. die Klischeebtrachtungen haben spannenden und diskussionswürdigen Inhalt, den ich mir auf jeden Fall noch mal durch den Kopf gehen lasse. Ein weiterer Punkt den  ich für mich noch klären muss ist die Stelleung der Frau in diesem Stück – spätestens, wenn ich das Stück noch mal gesehen habe und deswegen hier auch der Verweis auf die nächsten Vorstellungen in der Skala Leipzig: 29.09.2010 // 09.10.2010 // 24.10.2010